Veranstaltungen

 

24.01.2009

Interdisziplinärer Workshop

Stadt, Land, Fluß
Landes-, Orts- und Reisebeschreibungen aus historischer und geographischer Perspektive

Veranstalter: Nachwuchsforum der Marburger Geographischen Gesellschaft, Historisch-geographisches Netzwerk (Arbeitsgruppe des Marburger Promotionskollegs für Geistes- und Sozialwissenschaften)
Veranstaltungsort: Geographisches Institut (Deutschhausstr. 10), Großer Hörsaal

Programm:

9.30 Uhr
Eröffnung

9.45 Uhr
Sarah Velte M. A.
(Alte Geschichte, Univ. Marburg)
Das Eigene und das Fremde. Prinzipien der antiken deskriptiven Geographie

Die Wurzeln der europäischen Geographie reichen bis weit in die griechische Antike hinein, denn es waren die Hellenen, die sich als Erste der Aufgabe einer systematischen Sammlung und Verbreitung geographischer Nachrichten widmeten. Der antike Begriff ge?graphía war jedoch breiter und weniger begrenzt als der moderne und umfasste vor allem auch die Ethnographie. Geographie war vornehmlich ein literarisches Genre, bei dem der Übergang von Wirklichkeit zu Fiktion überaus fließend war. Nicht selten spiegelt sich in den geographisch-ethnographischen Ausführungen mehr das Selbstverständnis der Griechen als weniger eine profunde Kenntnis fremder Länder und Völkerschaften. Der Vortrag möchte anhand einiger Beispiele aus der griechischen Antike illustrieren, wie Eigenes und Fremdes vermittels scheinbar objektiver Schilderungen konstruiert und kontrastiert wurden.

10.30 Uhr
Ariane Westphälinger M. A.
(Geschichte des Mittelalters, Univ. Osnabrück)
"Eine Reise nach Jerusalem...". Jerusalem in früh- und hochmittelalterlichen Reiseberichten ins Heilige Land

Jerusalem gehört neben Rom und Santiago zu den drei großen Wallfahrtszielen des christlichen Abendlandes, den so genannten peregrinationes maiores. Jerusalem ist als räumlicher Mittelpunkt der biblischen Heilsgeschichte mit einem vielfältigen spirituellen Deutungsangebot versehen. Ein Besuch der Heiligen Stadt eröffnete dem Pilger die Möglichkeit, die biblischen Ereignisse am geographischen Ort ihres Geschehens für sich erlebbar zu machen.
Einem heutigen Heilig-Land-Reisenden ist bewusst, dass er das Jerusalem der Bibel so nicht vorfinden wird, weil er zweitausend Jahre nach den beschriebenen Ereignissen die Heilige Stadt bereist. Auch einem Menschen im Mittelalter wird analog dazu klar gewesen sein, dass zwischen seiner Gegenwart und den Ereignissen der Bibel eine lange Zeitspanne lag, was die Möglichkeit impliziert, dass Dinge, Räume oder Städte sich verändern können. Der mittelalterliche Pilger wurde somit vor die Herausforderung gestellt, die ihm aus der Bibel bekannten Stätten in Zusammenhang stellen zu müssen mit den vorgefundenen, ggf. abweichenden topographischen Begebenheiten.
Das Feststellen einer Inkongruenz von biblischem Wissen und selbst erfahrenem Wissen würde für den Pilger einen Konflikt darstellen, da die Ausführungen der Bibel in ihrer Funktion als Wort Gottes im Mittelalter als verbrieftes Wissen anzusehen waren, das es nicht in Frage zu stellen galt. Diesem sich damit eröffnenden Spannungsfeld von Buch- und Erfahrungswissen möchte sich der Vortrag anhand der geographischen Raumwahrnehmung und -beschreibung Jerusalems im Früh- und Hochmittelalter widmen.

11.15 Uhr
Kaffeepause

11.30 Uhr
Dipl.-Geogr. Johannes Hofmeister
(Geographie, Univ. Freiburg)
Von der Landeschronik zum Reiseführer. Landesbeschreibungen von Hessen aus dem 17.-19. Jh. im historisch-geographischen Kontext

Seit dem 17. Jh. erschienen zahlreiche Landesbeschreibungen von Hessen bzw. von Regionen, die zum heutigen Bundesland Hessen gehören. Am Anfang handelte es sich dabei um stark historiographisch geprägte Landeschroniken (bspw. von Wilhelm Dilich oder Johann Just Winkelmann), in denen allerdings bereits erste geographisch-landeskundliche Ansätze erkannt werden können. Dennoch spielen vor allem die naturräumlichen Verhältnisse in diesen frühen Werken eine stark untergeordnete Rolle, während die Beschreibung von Städten, Orten, Burgen und Schlössern einen großen Raum einnimmt.
Die ab dem späten 18. Jh. erschienenen topographisch-statistischen Beschreibungen (z.B. von Regnerus Engelhard) können möglicherweise als eine weitere Entwicklungsstufe hin zur geographischen Landeskunde betrachtet werden. Reisebeschreibungen sind eine weitere Literaturgattung, die ebenfalls seit dem 18. Jh. in Erscheinung traten (bspw. von Johann Hermann Dielhelm). Die naturräumlichen Faktoren scheinen in den Beschreibungen außerdem im Laufe der Zeit an Bedeutung zu gewinnen.
Trotz verschiedenartiger Intentionen haben diese Landesbeschreibungen die Gemeinsamkeit, daß sie historische und geographische Informationen in einem Werk vereinen. Aus heutiger Sicht erlauben die Landesbeschreibungen von Hessen des 17.-19. Jh. einen Einblick in den damaligen geographischen Kenntnisstand, aber auch die historischen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Hessen spiegeln sich darin wider.

12.15 Uhr
Prof. Dr. Ingrid Baumgärtner, Melanie Panse, Rebekka Thissen, Mareike Kohls M.A.
(Mittelalterliche Geschichte/Frühe Neuzeit, Univ. Kassel)
Buchprojekt:
Ingrid Baumgärtner, Martina Stercken & Axel Halle
Wilhelm Dilichs Landtafeln hessischer Ämter zwischen Rhein und Weser 1607-1622/25

Weitere Informationen

13.00 Uhr
Mittagspause

 

14.00 Uhr
Drs. Ans Schapendonk
(Niederlandistik, Univ. Marburg)
Die niederländische Sicht auf die Welt im Goldenen Zeitalter

Im Bestand der Marburger Universitätsbibliothek ist niederländischsprachige Reiseliteratur aus dem 16. und 17. Jahrhundert zu finden. Diese Reise- und Landesbeschreibungen berichten über zahlreiche Regionen der ganzen Welt. Sie erlauben nicht nur einen Einblick in die geographischen Kenntnisse, über die man zur damaligen Zeit verfügte, sondern auch, wie man fremde Völker und ihre Kultur, Siedlungen und Landschaften wahrgenommen hatte. In dieser Reiseliteratur spiegelt sich auch die kulturelle, politische und wirtschaftliche Situation in den Niederlanden (Goldenes Zeitalter, Unabhängigkeit usw.) und in Europa (Kolonialismus, Merkantilismus, Zeitalter der Entdeckungsreisen, wissenschaftlicher Fortschritt) wider. Anhand des von der Universitätsbibliothek digitalisierten Materials wird das Weltbild aus niederländischer Perspektive analysiert und anschließend mit den deutschen Übersetzungen, die von einigen Werken kurz nach Erscheinen angefertigt wurden, verglichen.

14.45 Uhr
Diana Ordubadi M. A.
(Osteuropäische Geschichte, Univ. Bonn)
Reiseberichte aus der Billings-Sarytschew-Expedition (1785-1795) als Spiegelbilder der russischen Sibirien- und Fernostforschung im 18. Jahrhundert

Im Kontext der europäischen Erschließung des asiatischen Raumes wurde das Russische Reich seit dem 18. Jahrhundert als eine wichtige geografische, aber auch zivilisatorische Brücke zwischen Europa und Asien verstanden. Vor allem Sibirien und der Ferne Osten weckten das Interesse der Abenteurer und Reiseforscher. Mangels eigenen akademischen Nachwuchses sorgte der russische Staat außerdem zu der gleichen Zeit für einen intensiven wissenschaftlichen Austausch auf einem internationalen Niveau, indem er Spezialisten aus ganz Europa, vor allem jedoch aus deutschsprachigen Gebieten, zu seinen Forschungsexpeditionen hinzuzog. Dazu gehörten unter anderem Daniel Messerschmidt, Johann Georg Gmelin, Georg Wilhelm Steller, Gerhard Friedrich Müller, Peter Simon Pallas und viele andere. 1785 entsandte Katharina II. erneut eine "geheime geografische Expedition zur Befahrung des Eismeeres und zur Beschreibung seiner Küsten sowie zur Feststellung von Inseln in diesem Meer zwischen dem asiatischen und dem amerikanischen Kontinent" unter dem Kommando des Engländers Joseph Billings. Es galt, die entsprechenden Territorien des Russischen Nordens nicht nur zu erweitern, sondern diese vor allem sorgfältig und systematisch zu erforschen, denn neben der formal-territorialen Eingliederung in den russischen Staat musste nun eine tatsächliche ökonomische und kulturelle Anschließung erfolgen. Die Berichte aus diesem Unternehmen, an dem Russen, Deutsche und Engländer teilnahmen, ermöglichen eine intensive Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung der Reiseforscher, welche die "fremde Welt" fleißig erkundeten. In ihren Schriften hinterließen sie nicht nur wertvolle Beobachtungen der unberührten Natur und indigenen Bevölkerung Sibiriens, sondern auch faszinierende Zeugnisse eigener kulturellen Prägung und zeitlichen Gebundenheit.

15.30 Uhr
Kaffeepause

15.45 Uhr
Dipl.-Geogr. Tanja Zwingelberg
(Historische Anthropologie & Humanökologie, Univ. Göttingen)
Wahrnehmung von Umwelt in medizinischen Topographien um 1800

16.15 Uhr
Abschlußdiskussion

 

Änderungen möglich

 

Wichtige Hinweise für auswärtige Teilnehmer:

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